Ein Öcher Trommler bei Barca
Mittwoch, 18. April 2012Ach wie kann Fussball schön sein!
Fußball in Aachen tut derzeit weh. Aber muß Fußball überall wehtun? Muß nicht. Das Glück ist nur ein paar Mausklicks entfernt; jedenfalls dann, wenn man eh über Ostern ein paar Tage per Billigflug nach Barcelona wollte. Einfach beim FCB online den Spielplan geklickt, Karten bestellt, fertig. Sogar ein Bildchen kriegt man gezeigt, das einen Vorgeschmack gibt von der Sicht, die man auf den gebuchten Plätzen hat. Und der Preis? Für ein Ligaspiel, Sitzplatz, nicht weit von der Mittellinie 44 Euro. Also nicht viel mehr als auf dem Tivoli; nur, daß nicht Sibum und Uludag spielen, sondern Iniesta, Puyol, Fabregas, und natürlich Lionel Messi.
Dienstag abend, die U-Bahn zum Stadion ist gar nicht so voll, die Stimmung entspannt. Mit einem schwarz-gelben Öcher-Trommler-Schal fällt man gar nicht weiter auf. Zumal schwarz-gelb ja die Auswärtsfarben des FC Barcelona sind. Aussteigen, orientieren, den Blick kreisen lassen Schön liegt es nicht da, das Camp Nou, zwischen Hochhäusern und ziemlich zubetoniert, aber gewaltig ist es schon von außen. Mehr als 90.000 Leute gehen da rein, also in etwa Alsdorf und Eschweiler komplett zusammen. Gewaltig auch das Fanvolk aus aller Herren Länder: Sogar eine Gruppe aus Katar steht am Ticketschalter an. Bei dem man problemlos bedient wird. Auf dem Weg zum Tor geht´s dann an einem der Merchandising-Zelte vorbei. Wieder eine positive Überraschung: Original-Fanartikel gibt´s für kleines Geld. Schals zu zehn, Trikots zu 30 Euro.
Am Eingang gibt es weder Gedränge noch robuste Security-Leute. entspannt und ohne abgeklopft zu werden wird man eingelassen, nimmt den Weg, der auf der Karte stand (Tor 2, Eingang 83, Block 537). Noch eine Stunde bis zum Spiel klettert man ein endloses Treppenhaus hoch. Es kommt ein kleiner Hunger auf, zumal der Spanier 21:00 für eine normale Anstoßzeit hält. Hat man die Imbißbude übersehen? Kommt da noch was? Kurz vor dem Gipfel kommt was: Ein ganz normaler Stand mit ganz normalem Essen: Bratwurst, Frankfurter, Hamburger, warmes Schinkenbrot, und bezahlt wird nicht mit irgendeiner Card, sondern mit Geld. Findet ein weltweiter Top-Club nicht die Bohne unmodern.
Block 537 ist dann nix für Leute mit Höhenangst. Aus gefühltem Lousberglevel blickt man auf den Rasen, dem Magen nach senkrecht nach unten, das erzeugt schon Gänsehaut vor Spielbeginn. Rundum freundliche Gesichter. Vor allem heimische Dauerkarteninhaber. “Woher kommen Sie?” – “Aus Deutschland” – “Aber nicht aus Leverkusen?”, lacht der Mittfünfziger. “Nee, schlimmer noch”. Und schon ist man im Gespräch. Auf englisch. Andere Einheimische bedienen geduldig Fotowünsche der internationalen Fußballtouristen.
Mit Applaus wird die Mannschaft empfangen. Allein das Warmlaufen ist sehenswert. Jogging nach Choreographie, Kurzpässe im Pingpong-Tempo, Reaktionsspiele in der Fünferbox. Umso unverständlicher, daß der Laden noch fast leer ist. Ganz kurz vor Anpfiff sitzt der Katalane erst im Stadion. Konzentration auf das Wesentliche nennt man das wohl: Barca-Lied, los geht´s.
Von der ersten Minute an ist der Gegner nur ein Sparringspartner. Selbst aus der Höhe ist es auf den ersten Blick unmöglich, ein System beim FCB zu erkennen. Außer, daß beim Angriff nur zwei Verteidiger an der Mittellinie bleiben, bei Ballverlust aber binnen weniger Sekunden je nach Bedarf bis zu fünf Mann hinten stehen. Der Rest geht auf den Ballführenden. Rückeroberung, Blitzpässe nach vorne. Das Ganze schnürt den armen FC Getafe dermaßen ein, daß ganz leicht und schön regelmäßig Tore fallen. Vier Stück bis zur 70., auch Lio Messi ist dabei. Bei schönen Aktionen klatscht das Publikum oder nennt den Namen des Spielers, Gesänge gibt´s überraschend wenige, bis auf die der Trommlerkollegen. Ein paar Lieder sind bekannt, wobei sich “Barca” beim Mitsummen sehr schön durch “Aachen” ersetzen läßt. Vielleicht bringt´s ja Glück.
Was eine Weltmannschaft von einem potentiellen Zweitliga-Absteiger unterscheidet, zeit sich beim Stande von 4:0: Von wegen “reicht”. Der FC Barcelona hält das Tempo, gibt weiter keinen Ball verloren, ergrätscht sogar die vor der Auslinie, die Einwurf ergeben hätten. Unbedingter Wille und Einsatz eben – das, was den Schwarz-Gelben so lange gefehlt hatte. Und würden sie das Prinzip “Balleroberung, Umschalten, Abschluß suchen” beherzigen, wären sie auch ohne Messi und Alexis Sanchez und mit ihren überschaubaren Qualitäten nicht da unten stehen.
Gegen Ende kriegt der kleine Argentinier auch noch seine Sprechchöre. Im Fünfer bekommt er den Ball, schirmt ihn ab, aber im Nacken hat er Miguel Torres (Komisch: Die haben nen Nationalverteidiger und kriegen vier Buden). Torres verfolgt Messi bis zur Eckfahne, ein zweiter macht scheinbar den Sack zu, auf einmal schießt Messi aus der Drehung den Mann wie einen Pappkameraden an, und bevor der kapiert, was los ist, ist er mit dem Abpraller auch noch am dritten Getafer vorbei im Fünfer und schließt beinahe zum 5:0 ab. Odonkor plus Ballgefühl und Intelligenz.
Fazit: Geil war´s, der Glaube an den Fußball anundfürsich ist zurück, und wer immer die Chance hat. sollte sich den Spaß gönnen. Schade einzig, daß das mit der positiven Energie aus Camp Nou für die Alemannia nur gegen Bochum funktionierte. Derselbe Schal half im Zebrazoo leider schon nicht mehr. Muß es unsere Mannschaft eben alleine schaffen. Mit Balleroberung, Umschalten, Abschluß. Wie es die Spanier machen. Wozu heißt es schließlich OLÉ Alemannia?
Richard Derichs
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Öcher Trommler & Diplom-Journalist
Autor für Hörfunk und Fernsehen
Ps.: Schaut euch ab Donnerstag 19.04.2012 im Apollo den “Friede, Freude, Eierkuchen”-Film von Michael Chauvistré im Apollo an. Viele schöne Bilder von früher und damals und beeindruckender Bullshit zum neuen Tivoli von Jürgen L., haarklein dokumentiert…



































































































